10 Jahre Polo, Party, Picknick

2012-07-21_123

Münster. Wo rasanter Sport auf relaxte Stimmung trifft: Das Polopicknick in Münster ist von einem Underdog-Event zu einem der wichtigsten Poloturniere Deutschlands avanciert – und eine der schillerndsten Kult-Veranstaltungen des Münsterlandes geworden. Unter Kennern gilt es als das schönste Poloturnier Deutschlands.
Am 27. und 28. Juli feiert der Event auf dem Hugerlandshof seinen zehnten Geburtstag: Zeit für einen Rückblick.

Wenn Sebastian Schneberger dieses Jahr in Matsch-getränkter Polo-Kleidung mit seinem Pferd über den Hugerlandshof jagt, werden wohl zahlreiche schöne Erinnerungen mitreiten und wach werden. Bei ihm, bei vielen Zuschauern und bei den Organisatoren und Veranstaltern des Polopicknick.
Viele werden sich an den rührenden Moment erinnern, als ein Spieler bei der Siegerehrung dem Deutschen Kuratorium für therapeutisches Reiten ein Polo-Pony schenkte. Einigen wird das kultige Segway-Poloturnier 2012 im Gedächnis geblieben sein. Andere lachen heute vielleicht noch Tränen bei dem Gedanken an einen halbnackten Vampir, der orientierungslos durch ein Hotel irrte und die Gäste erschreckte (Nach einer Players Party mit dem Motto „Vampire“ hatte der vermeintliche Blutsauger sein Zimmer nicht mehr gefunden). Aber viele werden sich auch an die teilweise ernsten Verletzungen erinnern, die der raue Polosport leider häufig mit sich bringt – beispielsweise der Schock, als Jos Houben 2011 stürzte und sich das Schlüsselbein brach.

Dieser Fundus an emotionalen Anekdoten ist so vielfältig wie das Publikum, das seit 2004 jeden Sommer an den Hugerlandshofweg gelockt wird. Kaum ein anderes Poloturnier in Deutschland hat so hohe Besucherzahlen, nirgendwo sonst wird Polo so entspannt und kreativ zelebriert. Hinzu kommt eine kultige Chronik von Players Parties, die ihresgleichen sucht.
Wer verstehen möchte, warum das so ist, muss eine Zeitreise ins Jahr 2004 vornehmen. Damals hatte der münsterische Polospieler Sebastian Schneberger den Traum von einem Turnier, das ganz anders sein sollte als die Klischees, die den meisten Menschen bei dem Stichwort „Polo“ sofort durch den Kopf schießen: Champagner, Hüte, Pretty Woman.
„Ich habe diese Vorurteile nie gemocht und wollte mit einem eigenen Event zeigen, dass Polo viel mehr ist. Ich wollte ein Turnier für alle“, so Schneberger. „Daher die Idee, dem Publikum neben dem Polo noch etwas zu geben, was Gemütlichkeit und entspannte Atmosphäre verspricht: Ein Picknick.“
Damals konnte Schneberger noch nicht ahnen, dass er damit den Grundstein zu einem der wichtigsten Events des Münsterlandes gelegt hatte.

Freundschaftlich-familiärer Ursprung
Das erste Polopicknick 2004 war nämlich vielmehr ein kleiner Testballon für Freunde und Familie als eine Großveranstaltung – finanzieller Gewinn spielte schon damals keine Rolle. Schon damals war das Polopicknick ein Charity-Event: Die Einnahmen gingen an den Verein für Herzenswünsche e.V.
„Wir hatten eigentlich nicht viel mehr als ein Zelt, einen Ghettoblaster, gute Stimmung und ordentliche Parties“, erinnert sich Schneberger. Werbung hatten die Veranstalter im Vorfeld kaum betrieben, Sponsoren gab es so gut wie keine – sämtliche Spieler rekrutierten sich aus Freunden und Bekannten. Das Bier wurde aus Dosen getrunken und in einem alten Futtertrog gekühlt.

Rund 500 Zuschauer erschienen zum ersten Polopicknick – die meisten waren Freunde, Familie und Bekannte. Aber einige waren auch aus Neugier auf den ungewöhnlichen Event gekommen. Diese familiäre, relaxte Stimmung wurde bis in die Nacht getragen – bis die Polizei in den morgendlichen Stunden wegen der Lautstärke eine feiernde Gruppe Polospieler und –fans im Stadtzentrum auflösen musste.
Lediglich vier Teams traten 2004 gegeneinander an – Gewinner waren die so genannten „Bad Boys“ vom Polo & Countryclub aus Bad Bentheim. Zu dem ersten Siegerteam gehörte auch Mathieu van Delden. Der Polo-Veteran, der heute noch Stammspieler beim Polopicknick ist, konnte damals wegen einer gebrochenen Hand nicht spielen und hatte sein Team als Kommentator unterstützt. Ihm ist Münster zu besonderem Dank verpflichtet: Denn er war derjenige, der seinen Cousin, Sebastian Schneberger, in den 90er Jahren ans Polospielen herangeführt und dafür begeistert hatte – und damit die Idee eines Turniers in Münster erst ermöglichte.

Den Spirit erhalten – trotz Eigendynamik
Der Ursprung des Polopicknicks liegt dementsprechend in familiär-freundschaftlichen Verbindungen. Das war auch im zweiten Jahr zu spüren, als bereits alles viel größer wurde: Die Veranstalter hatten auf sechs Teams erweitert, Sponsoren kamen hinzu, die Zuschauerzahl hatte sich mehr als verdreifacht.
„Das Polopicknick entwickelte ab dem zweiten Jahr eine Eigendynamik, die uns gleichzeitig überraschte und freute“, erklärt Schneberger. „Umso wichtiger war es uns, bei den steigenden Zuschauerzahlen den Spirit zu erhalten.“ Das erreichten die Veranstalter durch die konsequente Fortführung des Picknick- und Charity-Konzeptes. Champagner wurde bis auf die obligatorische Dusche zur Siegerehrung überhaupt nicht ausgeschenkt, stattdessen gab es eine größere Picknickfläche, mehr Decken, mehr Picknickkörbe – und letztendlich auch eine professionelle Kühlung für das Bier. Die Erlöse gingen in dem Jahr an das Kinderheim St. Mauritz. Startgelder wurden auch beim zweiten Anlauf nicht berechnet, stattdessen baten die Veranstalter darum, einen entsprechenden Betrag zu spenden – eine uneigennützige Idee, die sich bis heute gehalten hat.

Sponsoren und Partner bleiben treu
„2006 war das Jahr, in dem ich erst begriffen habe, was wir da überhaupt gestartet hatten“, erinnert sich Schneberger an das dritte Polopicknick. „Wir hatten mehr als 2.000 Zuschauer, zum ersten Mal acht Teams – und alle Sponsoren waren wieder mit dabei. Da habe ich gemerkt, dass für die Menschen aus der Region die Neugier am Polosport doch größer ist als die Vorurteile.“
Tatsächlich blieben die Sponsoren der ersten Stunde bis heute treu – auch Jahre später, als es heftig regnete. „Wir hatten einmal wegen eines Unwetters deutlich weniger Zuschauer. Aber es kam nicht die geringste Beschwerde von den Sponsoren, nicht einmal ein Kommentar“, so Schneberger. „Das zeigt, wie alles zusammengewachsen ist und dass der familiäre Grundgedanke auch die Sponsoren angesteckt hat.“
Nicht nur die Sponsoren, sondern auch die meisten Partner, Dienstleister und Spieler halten dem Polopicknick bis heute die Treue: Ein Team, das sich über zehn Jahre gefunden hat und immer noch im Begriff ist, zu wachsen. Ein Grund dafür ist die Philosophie Schnebergers:„Ich wollte immer langfristige Partner für das Polopicknick. So sind wir zu einer Art regionalem Mininetzwerk geworden, in dem sich jeder einbringt. Jeder kann mit Recht sagen: Es ist „unser“ Polopicknick!“
Letztlich hat sich diese familiäre Atmosphäre auch auf die Zuschauer übertragen.

Drei Reihen Picknick
Denn dass die Menschen gerne kommen, hat das Polopicknick zuletzt vergangenes Jahr unter Beweis gestellt: Mit dem bisherigen Besucherrekord von rund 5.000 Zuschauern. In drei Reihen vor dem Spielfeld hatten die Picknicker ihre Lager aufgeschlagen und genussvoll flaniert. Steifes oder gar arrogantes Society-Event? Nach wie vor Fehlanzeige: Der familiäre Grundgedanke, diese „Polopicknick-DNA“, erlaubt jedem, sich zu entspannen und er selbst zu sein: Einige Besucher trinken Sekt, andere Bier oder Kaffee, einige essen vornehmes Finger-Food, andere Bratwurst mit Pommes.
„Vergangenes Jahr habe ich unsere Idee noch einmal voll aufgehen sehen“, schwärmt Schneberger. „Die Menschen sind mit ihrem Auto gekommen, das bis oben hin mit Essen, Picknickkörben und Sonnenschirmen vollgestopft war. Einige kommen in einer größeren Fahrradgruppe und haben ein Sixpack dabei. Es gab sogar schon Picknicker, die sich einfach Pizzen beim nächsten Lieferservice bestellt haben. Genau diesen Mix haben wir uns immer gewünscht!“
Die große Vielfalt harmonisiert mit der regionalen Umgebung und Naturverbundenheit wie wohl kaum eine andere Open-Air-Veranstaltung. Die Pferde und Picknicker verschmelzen an diesen beiden Sommertagen förmlich mit der münsterländischen Landschaft: Das Polopicknick ist daher nicht nur ein gut besuchtes Großevent, sondern ein lebendiger Ausdruck regionaler Lebensart und Kultur.

Markus Köller, wirtschaft-news.com