Das Sprechen der Bilder: Koreanische Filme zeigen Hollywood, wie es geht

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Eigentlich hätte beim US-Remake des südkoreanischen Filmes „Oldboy“ nichts schief gehen dürfen: Die Vorlage von Park Chan-Wook hatte die internationale Filmszene aufgerüttelt und war selbst in Europa eingeschlagen wie eine Innovations-Bombe. Für das große Remake war somit der Weg bereitet: Ein großzügiges Budget war vorhanden, mit Spike Lee hatte ein renommierter Regisseur das Ruder übernommen. Und die Darstellerriege mit unter anderem Josh Brolin, Eilzabeth Olsen und Samuel L. Jackson sollte eigentlich über alle Zweifel erhaben sein.

Aber der US-Oldboy floppte katastrophal an den Kinokassen: Dem Budget von 30 Millionen US-Dollar ohne Marketing-Kosten stehen Box Office-Einnahmen von gerade einmal 4,9 Millionen US-Dollar gegenüber – das südkoreanische Original hatte derweil das dreifache eingespielt.

Wahnwitzig und gnadenlos: Dramaturgie ohne Weichspüler

Was war der Grund für das furiose Scheitern des Remakes? Die Antwort ist simpel: Fehlende Originalität. Der Original-Oldboy ist eine wahnwitzige Reise durch innovative Kameraeinstellungen, unkonventionellen dramaturgischen Momenten und brillant inszenierten Action-Sequenzen. Park Chan-Wook traut seinem Publikum etwas zu: Er erklärt im Original nur das Notwendigste, die Story entsteht im Kopf des Betrachters, fast jede Szene, ja jede Einstellung, beginnt mit einer Verwirrung und endet mit einer Auflösung. Sein Oldboy ist nicht weichgespült: Gnadenlos nimmt das Rache-Chaos um die Protagonisten von Sekunde zu Sekunde seinen Lauf, greift ein Handlungs-Rädchen in das nächste. Die Kamera schwenkt nicht weg, sondern hält auch dann noch drauf, wenn die Brutalität fast nicht mehr zu ertragen ist. Auf diese Weise entsteht ein intensiver, dramaturgischer Sog, der den Betrachter zum Teil des Filmes werden lässt.

Gute Filme als Wirtschaftsfaktor entdeckt

Mittlerweile hat das koreanische Kino viele solcher „Oldboy“-Filme hervorgebracht: Innovative Perlen, an deren kreativer Qualität selbst der große Hollywood-Hoffnungsschimmer Christopher Nolan nicht heranreicht.

Seit mehr als einem halben Jahrzehnt ist daher ein Aufschwung des koreanischen Kinos zu verzeichnen und das weltweite Interesse wächst stetig. Koreanische Regisseure machen sich zunehmend auf internationalen Festivals wie Cannes, Berlin, Venedig oder Hongkong einen Namen.

Dabei war das koreanische Kino über viele Jahrzehnte so bedeutungslos wie die überschaubare Fläche des Landes auf der Weltkarte. Erst seit Kim Dae-Jung 1998 zum Präsidenten Südkoreas gewählt wurde, erkannten Politik und Wirtschaft das enorme Potenzial einer funktionierenden Filmindustrie. Statt, wie in Deutschland, Filme als Kulturgut zu fördern, wurden vereinzelt kreative Drehbuchautoren und Regisseure unterstützt. Austauschprogramme und geförderte Auslandsaufenthalte sorgten für eine entsprechende Erfahrung und spielerischen Umgang mit Technik und Dramaturgie. Die Filmemacher entwickelten einen eigenen Stil fernab von Hollywood. Sie greifen kritische Themen auf und bleiben nicht, wie viele Hollywoodfilme, weichgespült an der Oberfläche. FSK ist kein Faktor, wenn es der Sache dient. Der koreanische Film unterstellt dem Zuschauer eine Grundintelligenz und konzentriert sich auf die wesentlichen erzählerischen Merkmale. Dialoge sind minimiert, statt der Darsteller sprechen die Bilder.

Jeder Film soll anders sein

Nahezu jeder Film hat den Anspruch an sich, einen noch nie dagewesenen Plot-Twist zu präsentieren. Selbst unterdurchschnittlich budgetierte Horrorfilme warten häufig mit einem völlig unerwarteten, alles verändernden Ende auf. Ein Beispiel dafür ist „Peisu“ bzw. „Face“ von 2004. Auf den Plakaten wird er damit beworben, eine Kombination aus „The grudge“ und „The bone-collector“ zu sein, ist jedoch deutlich innovativer erzählt als die großen Vorbilder: Auch wenn „Face“ für einen koreanischen Film eher mittelprächtig und konventionell ist (IMDb-Wertung nur 5,9), stellt er doch die meisten Hollywood-Horrorfilme locker in den Schatten.

Kein Ende in Sicht: Die koreanische Filmszene bietet ausgezeichnete Perspektiven.

Koreas Filmindustrie als eigener Mikrokosmos

Südkoreas Filmindustrie hat ein eigenes Selbstbewusstsein entwickelt und die kulturellen Werte des Landes beibehalten. Im eigenen Land ist das südkoreanische Kino seit 15 Jahren erfolgreicher als das US-amerikanische. Zirka 60 Prozent der gezeigten Filme im Jahr 2013 wurden einheimisch produziert, die restlichen 40 Prozent stammten aus Hollywood und Europa. Mit einem Box Office von 10,8 Milliarden US-Dollar lagen die USA auf Platz eins der weltweiten Filmmärkte. Südkorea befindet sich trotz der geringen Bevölkerungszahl mit einem Box Office von 1,47 Milliarden US-Dollar auf Platz sechs, noch vor Deutschland mit 1,3 Milliarden US-Dollar.

Mit zahlreichen Festivals wird auf die wachsende Bedeutung und Popularität des koreanischen Kinos reagiert. Das wichtigste und größte Festival ist mit oft über 200.000 Zuschauern das Busan International Film Festival. In Kategorien wie “New Currents”, “Korean Cinema Today” und “Wide Angle”, werden dort die besten koreanischen Neuproduktionen gezeigt. Auf dem Festival werden Preise, wie der „New Currents Award“, der „Citizen Critics‘ Award“ oder der „Korean Cinema Award“ verliehen. Der „New Currents Award“ für den besten Spielfilm neuer asiatischer Regisseure, ging 2014 an den Film „End of Winter“, der den langsamen Zerfall einer Familie thematisiert, die sich voneinander entfremdet hat. Dieser Film war unter anderem auch auf der Berlinale 2015 vertreten.

Einer der wichtigsten Film-Preise Südkoreas ist der Daejong-Filmpreis, auch bekannt als Grand Bell Award. Der Preis wird jedes Jahr für besonders gute einheimische Filme vergeben. In der Kategorie „Bester Schauspieler“ gewann 2014 einer der Superstars in der koreanischen Filmszene: „Oldboy“ Choi Min-sik.

Erfolgsbeispiel „Snowpiercer“

Was passiert, wenn den koreanischen Regisseuren ein größeres Budget und eine internationale Bühne zur Verfügung gestellt werden, lässt sich an „Snowpiercer“ sehen. Der Science-Fiction-Actionfilm ist eine US-amerikanische und koreanische Koproduktion und stammt aus der Hand von Regisseur Joon-ho Bong, der mit seinem Monsterhorrorfilm „The Host“ internationale Bekanntheit erlangte.

„Snowpiercer“ thematisiert das Leben im Jahr 2031: Die letzten Überlebenden der Menschheit sitzen in einem Zug fest, der durch eine vereiste Welt rast. Der Film gilt bei Kritikern als einer der visionärsten und besten Science Fiction-Filme der vergangenen Jahrzehnte. Er thematisiert auf intelligente Weise die Folgen wirtschaftlicher Ausbeutung und religiöser Verblendung. Mehr als 86,8 Millionen US-Dollar spielte Snowpiercer ein und hat auf IMDb eine Wertung von 7,0. Das Erfolgsgeheimnis: Trotz des US-Geldes ist Snowpiercer gnadenlos koreanisch in seiner Erzählung und in seiner Intensität. Hollywood-Momente mögen Michael Bay-Fans vergeblich suchen. Wer etwas sehen will, was er vorher so noch nicht gesehen hat, wird „Snowpiercer“ lieben.

Frauenpower für Innovationskraft

Auffällig ist auch die neue Rolle der Frau als Protagonistin oder Regisseurin. Die Regisseurinnen formulieren nun eigene Ansprüche an das Leben und die Gesellschaft und üben Kritik an Themen, wie Liebe, Gender oder Migration. Der Dokumentarfilm „We Are Not Defeated!” von der Regisseurin Hye-Ran Lee setzt sich beispielsweise mit dem Arbeitskampf von Frauen in Korea auseinander.

In den kommenden Jahren werden, so lauten die offiziellen Prognosen von Branchen-Kennern, vermehrt koreanische Filme auf die internationalen Märkte strömen – und sie werden erfolgreich sein. Ob die koreanische Filmkultur seiner innovativen Linie dann noch treu bleibt, wird die Zukunft zeigen. Derweil könnten gerade wir Deutsche uns ein Vorbild nehmen und vermehrt die Bilder sprechen lassen.

Bildquelle (c) Markus Köller